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No 5 - Provinz

don alphonso vom Rebellenmarkt hat einen Geschichten Wettbewerb ausgeschrieben. Meine Mittagspause war lang und langweilig, daher jetzt ein Beitrag dazu.


Provinz ist immer relativ. Es gibt sie nicht, die absolute Provinz. Ich weiß wovon ich spreche, ich kenne die Provinz in und auswendig, in all ihren Facetten. Joachim Kaiser hat mal gesagt, die Provinz, das sei immer der nächst kleinere Ort, und genau so ist es. Aufgewachsen bin ich in einem Dorf im Nirgendwo (auf die genaue Lage eben dieses Nirgendwos, werde ich noch ausführlicher eingehen). Der Ort hatte knappe 800 Einwohner, einen Metzger, einen Supermarkt und - dem Naturtourismus sei dank ? einige Gaststätten und Kneipen. Es gehörte zum guten Ton, auf die noch kleineren Orte im Umkreis hinabzuschauen und sie ob ihrer Provinzialität und Abgeschiedenheit zu bedauern. Es gab fantastisch abgeschiedene und provinzielle Orte in der Umgegend. Die hatten dann allerhöchstens 300 Einwohner und die einzige Möglichkeit Geld auszugeben bestand in diesen Orten entweder darin, am Zigarettenautomaten sich ein Päckchen zu ziehen oder, wenn dann wirklich mal ein Bus vorbeikam, sich eine Fahrkarte zu kaufen und schnellst möglich zu verschwinden. Bezeichnenderweise nannte man diese Orte die Walddörfer. Einmal chauffierte mich mein Bruder zu einem Freund, der in einem solchen Ort lebte. Wie in einem Dokumentarfilm über afrikanische Naturvölker rannte eine Gruppe von Kindern im Vorschulalter die Dorfstraße hinter dem ankommenden Wagen her. Als wir anhielten, umringten sie uns und nahmen genau zur Kenntnis, wer denn nun hier wen, wieso und warum besucht. Man fühlte sich so zivilisiert, den man selbst kam ja wenigstens aus einem richtigen Ort und nicht nur einer kleinen Ansammlung von Häusern. Die Perspektive änderte sich, als ich zum Gymnasium ging. Das Gymnasium befand sich in der nächstgelegenen Stadt und von hieraus wirkten alle Dörfer klein, unterentwickelt und die Bewohner etwas verschroben. Die Stadt selbst brachte es aber auch gerade mal auf schlappe 30.000 Einwohner und das Kino war gerade geschlossen worden, weil es nicht mehr genug Zuschauer gab. Später lernte ich Menschen kennen, die aus Dörfern oder Großgemeinden in Teilen NRWs kamen, die 30.000 Einwohner hatten und die Dörfer bedauerten, die über keine eigene Autobahnabfahrt verfügten. Inzwischen wohne ich in einem Verdichtungsraum, d.h. Großstadt mit viel drum rum. Dichte trifft es! Selbst wenn man die Stadt verlässt ist man Irgendwo. Überall findet man geteerte Straßen. Überall kommt wieder ein Haus, eine Siedlung, ein Ort. Man hat einen Wald noch nicht richtig betreten und schon steht man wieder im Urbanen. Die Räume sind dicht und voll gepackt. Auch wenn es hier relative Provinz gibt, so provinziell wie in meiner Heimat ist es hier nirgends.
Ich wollte früher die Provinz immer verlassen, den Provinz ist mit vielen Nachteilen versehen: lange Wege, geringes kulturelles Angebot (ich erinnere nur an das geschlossene Kino) und eine gewisse Monotonie des ganzen Lebens. Man trifft immer nur dieselben Menschen, man kann ihnen nicht aus dem Weg gehen. Überall wird man erkannt und alle wissen nicht nur wer du bist, sondern ? und dass scheint in der Provinz viel wichtiger zu sein ? wo du hingehörst (wer Vater, Mutter, Brüder, Onkel, Tanten, Nachbarn, Freunde usw. sind). Für die Landschaft, für die Ruhe, die Natur hatte ich als 16 Jähriger noch keinen Sinn. Die Berge und der Wald waren störend, wenn man von a nach b wollte.
Heute ist das anders, heute bin ich gern in der Provinz. Meine Heimat ist ein großes grünes Loch südlich von Kassel. Die Autobahnen machen einen großen Bogen darum und mit dem Zug kommt man auch nicht hinein. Vor Jahren standen dort noch große Grenzsteine, auf denen zu lesen war: Willkommen im Fürstentum Waldeck. Da waren meine Landleute mächtig stolz drauf, denn bis 1929 war man unabhängiger Freistaat (so was wie Bayern nur im Norden) und zuvor war man sogar bis zum Ende des ersten Weltkriegs ein unabhängiges Fürstentum (das formal von Preußen regiert wurde). Auf Festen und bei besonderen Anlässen wurde sogar noch immer die eigene Nationalhymne geschmettert. Ich stamme sozusagen aus einer patriotischen Provinz. Das ist in mancherlei Hinsicht besonders schlimm. Noch heute residiert mein Fürst Wittekind in seinem Schlösschen und spielt hin und wieder den Staatschef. Man muss aber dazu sagen, dass dieses Fleckchen Erde nur deshalb so lange unabhängig blieb, weil es so arm und unwegsam war, dass sich kein anderes deutsches Herrscherhaus jemals dafür interessiert hat.
Das wichtigste in meiner Heimat sind aber nicht die Menschen oder die Traditionen, sondern es ist der Wald und das Wasser. Überall plätschert es, lauter kleine Bäche, Flüsse, Tümpel, Seen sind in der Landschaft verteilt. Überall kann man eine Angel hinhalten und ein paar Forellen fangen. Wenn ich nach Hause fahre, geht mein Vater am Vormittag angeln, fängt ein paar Fische, steckt sie nachmittags in den Räucherofen und zum Abendessen gibt es Forelle. So stell ich mir das Paradies vor. Was aber noch wichtiger ist und was sich die meisten Menschen gar nicht richtig vorstellen können, das ist der Wald. Es ist ein richtiger Wald. Ein Wald, der er es verdient hat Wald genannt zu werden. Ein Wald, in dem man sich verlaufen kann. Ein Wald, in dem man immer wieder etwas Neues entdecken kann. Komme ich nach Hause, gehe ich in den Wald. Es ist ein Laubwald, hauptsächlich Buchen und ? das ist das besonders reizvolle ? es ist ein Urwald, der zum großen Teil sich selbst überlassen ist. Man kann hier stundenlang herumlaufen, ohne einem anderen Menschen zu begegnen, ohne einer Siedlung oder einer Teerstraße nahe zu kommen, ohne ein von Menschen gemachtes Geräusch zu hören.
Die Menschen sind geprägt von der Landschaft, überall teilt Wasser die Landschaft in ein Hier und ein Dort. Der Blick kann nie richtig weit reichen, denn schon nach wenigen Metern kommt der nächste Hügel oder Berg. Die Orte sind klein und liegen in schmalen Tälern. Man gehört zu einer Ortsgemeinschaft, aber die im Nachbarort, mit denen hat man nicht mehr ganz so viel zu tun. Völlig unverständlich war es daher, als ich in der Jugend in einem anderen Ort Fußball spielte. Wie konnte ich nur?
Das Bier ist dunkel und süßlich, die Wurst (hach, was eine Wurst) ist hart und würzig, die Menschen sind etwas stur und eigen und die Fachwerkhäuser etwas windschief. Ja, es ist die Provinz. Man lebt hier etwas hinter dem Mond. Aber es ist auch schön. Wenn man zu Besuch ist.

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Kommentare  

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